Dies ist ein Interview, das wir mit einer langjährigen Grundschullehrerin geführt haben. Sie ist mittlerweile in Pension und war so freundlich, uns ein paar Fragen bezüglich der (Schön-)Schrift und deren Entwicklung im Unterricht zu beantworten.

(Der Name der Interviewten kann aus Datenschutzgründen nicht veröffentlicht werden)

Wie wurde die Schrift erlernt, als Sie als Lehrerin an die Schule kamen?

Als ich 1962 als Lehrerin in die Schule kam, wurde nicht mehr mit der Druckschrift, sondern mit der Schreibschrift begonnen. Das heißt, es wurde nicht mit fertigen Buchstaben angefangen, sondern die Teilelemente wie die “Girlanden”, “Arkaden”, “Wellen”, “Oberlängenschleifen”, “Unterlängenschleifen” und “Rundovale” mit rhythmischen Schwungübungen eingeübt.

Zum Beispiel wurde die Girlande,

die sowohl beim Schreibschrift-U, als auch beim Druckschrift-U benötigt wird, mit dem Vers „Otto baut ein Hundehaus, malt dazu die Ziegel auf“ rhythmisiert. Für jedes Schreibelement existierte solch ein passender Spruch.

Die Buchstaben wurden noch nicht analysiert und als Buchstaben erkannt, sondern es wurde nur die Schreibbewegung dazu eingeübt.

Die Buchstaben selbst wurden erst im Großen, dann im Kleinen und teilweise auch mit Bewegung erlernt.

Die Kinder erlernten das Schreiben in der Schreibschrift, das Lesen hingegen in der Druckschrift. Dies funktionierte meiner Meinung recht gut, bot allerdings vielen Skeptikern Anlass zur Kritik. Daraufhin wurde diese Methodik abgeschafft und der Unterricht wurde wieder mit Druckschrift begonnen. Die Schreibschrift erlernten die Kinder im Laufe der ersten oder sogar erst in der zweiten Klasse. Dadurch gingen der Lese- und der Schreibprozess wieder Hand in Hand, was sich ja bis heute sehr bewährt hat.

Früher wurde alles exakt geübt, denn damals hatte man auch noch Zeit dafür, was sehr wichtig ist. Die Verbindungen der Ober- und Unterlängenschleifen  wurden genauso einstudiert, wie der Anstrich  und die Girlanden . Viele Buchstaben und Formen beinhalten in der lateinischen Ausgangsschrift die halbe liegende 8 . Deshalb wurde großer Wert darauf gelegt, diese durch verschiedene Bewegungsübungen zu erlernen, etwa indem die Schüler zwei Stühle in Achterform umkreisten.

Musik ist ein ausgezeichnetes Mittel zur Unterstützung des Schrifterwerbs. So verband ich melodische und rhythmische Aufgabenstellungen immer mit Bewegungsaufgaben.

Der genaue Zeilenabstand musste eingehalten werden, genauso wie die Schreibrichtung. In der Regel wurden die Buchstaben zu Beginn auf ein großes Blatt geschrieben, bevor man dazu überging, sie zunächst auf eine Zeile und dann erst ins Heft zu schreiben. Man begann das Schreiben mit Kleinbuchstaben, die Großbuchstaben wurden erst später gelernt.

Wie haben Sie in Ihrer Zeit als Lehrerin das Schriftbild erlebt?

Die Schriften waren zum Teil sehr schön. Bei mir wurden Linkshänder nicht gezwungen mit der rechten Hand zu schreiben. Linkshänder haben sich zwar manchmal schwerer getan, es gab aber auch welche, die sehr schön geschrieben haben.

In der Regel haben sich auch die Buben schwerer getan als die Mädchen. Man darf natürlich nicht pauschalisieren, aber die Entwicklung der Feinmotorik ist im Grundschulalter bei Mädchen ausgeprägter als bei Jungs.

Können Sie uns auch etwas über den Wandel zur vereinfachten Ausgangsschrift erzählen?

Um 2003 kam es zu einer Schriftänderung, nämlich zur Vereinfachten Ausgangsschrift.

Diese kann man auch schön schreiben, aber sie verleitet durch die Vereinfachung zur Oberflächlichkeit. Das Hauptproblem liegt darin, dass dabei so oft abgesetzt werden muss, was pädagogisch dadurch begründet ist, dass das Wort durch die kleineren Schreibeinheiten orthographisch leichter gelingt als wenn man alles in einer Einheit schreibt.

Die Kinder müssen darauf vorbereitet werden und lernen, die Zeilen einzuhalten.

Dies kann beispielsweise durch Ausmalen oder auch durch Übungen im Sport, bei denen Grenzen nicht überschritten werden dürfen, erfolgen.

Ich denke es kommt nicht darauf an, welche Schrift man lernt, sondern wie man sie gelehrt bekommt. Jede Methode führt zum Ziel, solange sie konsequent beibehalten und nicht mit anderen Methoden gemischt wird.

Denken Sie, dass früher mehr Wert auf Schönschrift gelegt wurde?

Früher wurde die Schönschrift benotet. Auch die Eltern legten großen Wert auf eine genaue Ausführung der Buchstaben und auf eine saubere und ansprechende Heftführung.

Heute wird im Allgemeinen nicht mehr so viel Wert darauf gelegt.

Ohne Noten fehlt auch ein Anreiz, schön zu schreiben. Es hieß, die persönliche Schrift soll ab der dritten Klasse entwickelt werden. Das ist aber meiner Meinung nach etwas zu früh.

Von RJ, 21. Juni 2010, 22:09 Uhr

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